Oftringer bei Karibik-Regatta – und plötzlich war der Wind weg

Die «Purple Rain» (unten links) mit Remo Tenti im Startgewimmel in Antigua.

 
 
 

Remo Tenti aus Oftringen umsegelte auf der «Purple Rain» an der Regatta «RORC Caribbean 600» elf Inseln.
In der Karibik kämpfte die sechsköpfige, internationale Crew mit Flauten, genoss den Sternenhimmel und die Ruhe auf hoher See.
Nach vier Tagen und 18 Stunden erreichten Remo Tenti und Co. das Ziel in Antigua.

Das Meer vor der Karibikinsel Montserrat ist ruhig. Die Nacht bricht herein. Remo Tenti übernimmt das Steuer der Purple Rain, dem 12,5 Meter langen Pogo-Segelboot. Während den nächsten Stunden lassen sich er und die anderen fünf Mitglieder der Escalation Crew von den Sternen den Weg weisen. «Diese Ruhe weg von der Zivilisation, die Weite, die Nacht unter dem Sternenhimmel – das ist unbeschreiblich», sagt Remo Tenti, «unterwegs vergisst du alles, selbst, welcher Wochentag ist.» Es ist Dienstag, die Escalation Crew ist seit Montag unterwegs an der Regatta «RORC Caribbean 600». Vom Starthafen in Antigua unterhalb der Dominikanischen Republik umsegeln die 73 Boote elf Inseln. Für die 1100 Kilometer brauchen die Profis und Sieger aus Deutschland gut zwei Tage.

Als Remo Tenti und seine Kollegen vor dem Start frisches Gemüse und Obst, Reis, Pasta, Getränke und Konserven einkaufen und mit dem mitgebrachten Gefriergetrockneten im Boot verstauen, rechnen sie damit, nach vier Tagen auf dem Meer im Hafen von Antigua zurück zu sein. Am ersten Tag läuft alles nach Plan. Nachts sind jeweils zwei Crewmitglieder an Deck, die anderen gönnen sich in der engen Koje etwas Schlaf. «Mit einem Ohr bist du aber immer wach», sagt Remo Tenti, der seit rund 12 Jahren im Salzwasser segelt. Er steuert die Purple Rain in den Sonnenaufgang. Später bereitet der 52-Jährige für alle Pancakes zu oder hilft, die Segel hinaufzuziehen.

Die Stimmung ist gut. Zwischen den Deutschen Michael Schwall und Sebastian Mühlbauer, dem Österreicher Franz Strommer und Informatiker Remo Tenti harmoniert es seit jeher. Sie lernten sich über eine Webseite für Kojen-Sharings für die Atlantiküberquerung «ARC 2016» von Gran Canaria nach St. Lucia kennen und halten durchs Jahr per Chats und Skype Kontakt. Fürs «Rolex Middle Sea Race» 2018 rund um Sizilien stiessen der Norweger Hans Kristian Helgesen und der Kanadier Rob Fox hinzu, der 2008 Olympia- und WM-Erfahrungen sammelte. «Auf jeden kann man sich 200 Prozent verlassen. Wir sind gute Freunde geworden», sagt Tenti. Die Sechs teilen sich die Kosten für Material, Versicherung, Startgeld und das Boot, das sie in Martinique mieteten. Von da aus segelten sie gemütlich an den Start und nach der Regatta zurück.

Mental stärker gefordert als physisch

Es ist der Teamgeist, der die Escalation Crew rettet. Denn während der Karibik-Regatta ist auf einmal der Wind weg. Mehrmals bleibt die Purple Rain auf dem vorgegebenen Kurs bei brütender Hitze auf dem Meer liegen. «Die Flauten kosteten uns etwa 18 Stunden, in denen wir nichts tun konnten, als auf Wind zu warten», blickt Remo Tenti auf die Tiefpunkte zurück. Motor und Autopilot sind während der Regatta verboten. «Irgendwann ist da nur noch Frust, dass es nicht vorwärtsgeht.» Die einen dösen, andere schreien ihre Wut aufs offene Meer hinaus. Vorübergehend heben «Schleckstengel» die Laune, oder «Gummibärli», die der Vater zweier Kinder, Hobbytaucher und Eishockeyaner jeweils auf See mitnimmt. «In diesen Momenten zeigt sich, ob du genug Biss und Geduld hast, ein solches Abenteuer durchzuziehen. Es gibt Regatten, da fordern dich Wind und Wetter physisch extrem, diesmal war es mental hart.»

Während andere die Segel streichen, ist aufgeben kein Thema für die Escalation Crew, die nach vier Tagen und 18 Stunden die Zieltonne passiert. Die Rennleitung gratuliert via Funk zum Finish und zu Rang 51. Die Belohnung: karibischer Rum in einer mit «Purple Rain» beschrifteten Flasche. Remo Tenti verpackte sie gut für den Heimflug. Irgendwann wird er sie mit der Crew öffnen, vielleicht vor der angedachten Rennteilnahme 2021 in Griechenland. «Wo wir segeln, ist egal, Hauptsache mit der ganzen Crew», sagt Tenti, «und hoffentlich mit mehr Wind.»