Chartern in Corona-Zeiten

Charterflotte am Steg

 
 
 

Gutschein oder Rückzahlung, falls der Törn ausfällt? Wann sind die Reviere wieder erreichbar? Ein Update zu den wichtigsten Fragen rund um die Charter

Der Lockdown in weiten Teilen Europas hat die Charterbranche fest im Griff. Kunden bangen um ihre teils schon gebuchten und angezahlten Törns, Flottenbetreiber kämpfen angesichts immer längerer Sperrungen und entsprechender Einnahmeausfälle um ihre Existenz. Viele Kunden sind sich nicht im Klaren, wie ihre rechtliche Situation bezüglich eines bereits geschlossenen Vertrages ist. Für zusätzliche Verwirrung sorgen dann auch noch Alleingänge von Staaten wie etwa in Italien und Frankreich. Dort haben die Regierungen das EU-weite Reiserecht mittlerweile ausgehebelt und Gutschein-Lösungen statt Rückzahlung der Gelder beschlossen. Auch in Deutschland will die Regierung dies nun ermöglichen und hat einen entsprechenden Vorschlag bei der EU eingereicht, der demnächst entschieden werden soll.

Doch was viele Charterkunden nicht wissen: Die meisten Buchungen fallen nicht unter das Reise-, sondern das Mietrecht, zumindest, wenn eine ganz normale Bareboat-Charter gebucht ist. Dann ist die Charteragentur nur Vermittler und kein Reiseveranstalter, der Flottenbetreiber ist ein Vermieter. Trotzdem berufen sich Firmen in Italien und Frankreich auf diese Lösungen ihrer Regierungen und bieten Charterkunden statt einer Rückerstattung nur eine Gutschein-Lösung an, meist auch bis in die Saison 2021.

Bislang interpretierten deutsche Anwälte die Situation, dass eine Charter wegen Einreise-Sperrungen des Ziellandes oder Deutschlands verhinderten, so, dass dies ein Zustandekommen des Vertrages unmöglich macht und daher die gezahlten Gelder in der Regel zu erstatten seien. Das war zumindest die Erfahrung der Kanzlei von der Mosel Ben Tanis, die diverse solcher Fälle vertritt. Dies habe sich teils geändert. Die Erfahrung der Anwälte zeigt, dass Flottenbetreiber teils hartnäckig an Gutscheinlösungen festhalten.

Flugabsagen sind schwer abzusehen

Hinzu kommt die Problematik der Flüge. Zurzeit gehen von vielen Flughäfen nur noch um die 10 bis 20 Prozent des normalen Aufkommens ab. Viele Charterkunden wissen also nicht, ob ihr Flug zum geplanten Datum und Zielort überhaupt stattfindet.

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Airlines die Flüge oft sehr kurzfristig, manchmal erst wenige Tage vor der Charter stornieren“, so Claudia Spenges-Kleutges von der Agentur Sarres-Schockemöhle. Man hat das Gefühl, viele hangeln sich im Grunde genommen von Woche zu Woche, um vielleicht doch noch kurzfristig fliegen zu können, falls die Reisebeschränkungen gelockert werden“ – für Kunden, die dann kurzfristig nicht zu ihrer Charter-Yacht kommen, natürlich eine extrem unbefriedigende Lösung. Auch die Airlines versuchen dem Kunden häufig eine Gutschein-Lösung statt Erstattung der Kosten anzubieten. Ihrer Erfahrung nach sind viele Airlines derzeit telefonisch kaum zu erreichen, Agenturen und Kunden sind gut beraten, ihre Anfragen schriftlich zu stellen.

Wann startet die Saison wo?

Die drängendste Frage ist für Chartercrews also derzeit, welche Törns sollte ich schon versuchen zu verschieben oder womöglich gar stornieren? Die besten Karten haben da zurzeit wohl ohne Frage Kunden in Deutschland.

„Wir haben vom Land Schleswig-Holstein die Aussage, dass die Hafensperrungen nach dem 3. Mai gelockert werden. Ob dann Chartercrews schon starten dürfen, ist natürlich noch nicht ganz klar, wir hoffen aber, dass es bis Pfingsten klappt. Dann ist unsere Flotte komplett gebucht“, so Dirk Kadach von 1. Klasse Yachten. Die Heiligenhafener sorgen schon vor: Sie haben gewaltige Vorräte an Desinfektionsmitteln und Schutzmasken eingelagert, um auf den Stegen notfalls auch Übergaben von Yachten nach strengeren Auflagen abwickeln zu können.“ Kadach ist sich sicher: „Wir sind mit großer Wahrscheinlichkeit das erste Revier, das in Europa wieder starten kann.“ Für die Standorte der Firma in Kroatien und auf Palma sieht er das deutlich kritischer, stellt sich auf einen Saisonstart wohl nach der Hochsaison ein.

Im Mittelmeer sieht es deutlich schlechter aus. Frankreich hat seinen Lockdown bis zum 15. Mai verlängert, Spanien bis zum 11. Mai, Italien vorerst bis zum 3. Mai. Nach Kroatien können deutsche Touristen derzeit praktisch überhaupt nicht reisen, da sie vor Ort nach Grenzübertritt 14 Tage in Quarantäne in einer festen Adresse an Land müssten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der unbeschränkte Tourismus auch noch deutlich nach diesen Stichdaten für die Ausgangssperren gelten werden. Lockerungen der Ausgangssperren sind nicht mit einer sofortigen Freigabe des Tourismus zu verwechseln.

So berichtet der schwedische Flottenbetreiber Navigare Yachting gegenüber der YACHT, dass in Absprache mit den lokalen Behörden bereits längere Fristen für den Tourismus angesetzt werden, die aber auch laufend weiter verschoben werden. Laut den Schweden liegt dieser Termin in Kroatien und Griechenland derzeit beim 18. Mai, für Spanien bereits am 19. Juni.

So reagieren die Flottenbetreiber

Entsprechend reagieren bereits einige Flottenbetreiber. Sunsail und Moorings haben alle Chartertörns bis zum 1. Juni generell abgesagt und bieten Gutscheine an. Viele andere Firmen reagieren wochenweise oder noch flexibler. Sie buchen Kunden derzeit vor allem mit Abfahrten für den Mai auf Rückfrage der Kunden um. Generelle Absagen oder ständig aktualisierte Deadlines sind eher die Ausnahme. Die Firmen warten ähnlich wie die Fluglinien ab und werden sofort mit Lockerung der Beschränkungen die Stützpunkte eröffnen.

Dream Yacht Charter, derzeit größter Charteranbieter weltweit, bietet umfangreiche Umbuchungsmöglichkeiten. Wer bis 16. Mai gebucht hat, kann in dieses oder nächstes Jahr verschieben. Wer später gebucht hat, kann ebenfalls verschieben, muss aber für Buchungen 2021 die zu erwartende Preiserhöhung für nächstes Jahr tragen. Ist die Charterwoche teurer als die derzeitige, etwa weil sie in der Hochsaison liegt, muss der Mehrpreis gezahlt werden.

Die auch weltweit tätige schwedische Firma Navigare Yachting versucht ebenfalls die Umbuchung-Lösung zu favorisieren, zahlt in Einzelfällen jedoch die Charter zurück, wenn für das jeweilige Land eine explizite Reisewarnung besteht. Dies ist in Deutschland derzeit für alle Länder weltweit bis zum 3. Mai der Fall.

Bislang berichten viele Agenten, dass die betroffenen Kunden sehr besonnen reagieren und auch Verständnis für die schwere Lage der Flottenbetreiber haben. Denn letztere müssen die Kosten für die Flotten tragen, Liegeplätze zahlen, Wartungen durchführen, Versicherungen bedienen und versuchen, ihre Angestellten zu halten. All das wird schwierig, wenn die Kunden das angezahlte Geld sofort zurückhaben wollen. Die Bemühungen, die Kunden zum Umbuchen zu bewegen, sind also mehr als verständlich, und Kunden sollten versuchen, im DIalog eine Lösung zu finden, schließlich handelt es sich um eine Jahrhundert-Notlage. Auf Nachfrage der YACHT bezifferten einige Agenten die Zahl der Kunden, die auf eine Rückzahlung bestehen, aber nur auf rund 5 Prozent, was Hoffnung macht. Wer unbedingt aus wirtschaftlichen Gründen die schnellstmögliche Erstattung einer ausgefallenen Charter benötigt, kommt mit einem Anwalt offenbar schneller zu einer Lösung, wie einige Kanzleien berichten.

Die meisten Segler buchen aber dennoch um, immer mehr auf das nächste Jahr, weil bei den Arbeitgebern der Segler die Ferien nicht einfach verschoben werden können oder absehbar ist, dass ihre Firma nach der Krise mit Mehrarbeit versuchen wird, Verluste wieder aufzuholen. Auf die Charter-Branche kommt also auch nach der Lockerung der Reiseeinschränkungen bis zum Jahresende harte Zeiten zu, der Markt wird sicherlich nur langsam anspringen.