Die Segel der Superyachten kommen aus einem kleinen Dorf auf Mallorca

Teamleiter Antonino Pellegrino (li.) und Doyle-Mallorca-Chef Chris Sherlock haben das Segel der „Ngoni" am Haken.

 
 
 

Der neuseeländische Hersteller Doyle wartet und produziert in Alaró Segel für die Superyachten. Jetzt stehen so große Kunden ins Haus, dass die Segelmacher umziehen müssen

Im Loft des Segelherstellers Doyle in Alaró liegt der gut 900 Quadratmeter große Flügel eines Biestes. „Baut mir ein Biest. Keinen Wolf im Schafspelz!“ Mit diesen Worten soll der britische Unternehmer Tony Buckingham der Legende nach 2017 die Supersegelyacht „Ngoni“ in der holländischen Werft Royal Huisman in Auftrag gegeben haben. Den Spitznamen „Biest“ hat sie bis heute behalten.

Nach nur zwei Jahren ist die „Ngoni“ – mit 58 Metern eine der längsten Supersegelyachten der Welt – nun jedoch ein wenig flügellahm geworden. „Wir haben die Segel bei uns im Service“, sagt Chris Sherlock, Leiter von Doyle auf Mallorca. 51 Lofts oder Werkstätten von Doyle gibt es weltweit, die auf Mallorca ist gut 1.100 Quadratmeter groß. Hier werden für Großkunden wie Buckingham die von Wind und Sonne in Mitleidenschaft gezogenen Segel runderneuert. „Wir bessern schadhafte Stellen aus und präparieren sie so, dass sie für eine Weltumrundung in Topform sind“, sagt Chris Sherlock. Der Australier war 27 Jahre als Skipper weltweit auf großen Segelyachten unterwegs, hat etwa in der Karibik Regatten bestritten. Vor drei Jahren kam er auf die Insel, um für einen anderen Segelhersteller zu arbeiten. Seit 2018 leitet er die Geschäfte für Doyle in Alaró.

Segelmacher sind wie Juweliere

Wie er sind alle acht Mitarbeiter erfahrene Segler. Antonino Pellegrino (28) leitet das Segelmacher-Team, er selbst stammt aus Italien. „Unsere Mitarbeiter kommen aus Ungarn, Portugal, England, Australien, Neuseeland und den USA“, sagt er. Gute Segelmacher seien schwer zu finden. Eine Schule, in der dieses Handwerk gelehrt wird, gäbe es nicht. Dabei seien Segelmacher wie Juweliere. Sie müssten ständig im Kopf haben, welche Form das Segel hat und welche Auswirkungen selbst kleinste Änderungen auf das Gesamtbild haben. Und sich darüber bewusst sein, dass sie mit Kostbarkeiten hantieren. Die Segel sind häufig Einzelanfertigungen, da kann eines je nach Größe zwischen 100.000 und 800.000 Euro kosten.

In der Halle in Alaró, wo zuvor der Hersteller „Quantum Sails“ ansässig war und davor eine Schuhfabrik, werden Segel natürlich nicht nur restauriert, sondern auch hergestellt. „Jetzt gerade ist für uns die Hauptsaison im Service“, sagt Chris Sherlock. Von September bis November lassen viele Eigner ihre Segel vom Salz befreien, abgeriebene Stellen werden ausgebessert, danach legt man die Stücke fein säuberlich schlaufenweise zusammen und lagert sie ein. „Hier kann ein falscher Knick verheerend sein“, sagt Antonino Pellegrino. Von März bis Mai beginnt die Saison, in der die Segel wieder gehisst werden. Mit dabei sind dann auch Neuanfertigungen.

Carbonfasern sind die Knochen der Segel

Die neuen Segel werden in Alaró lediglich zusammengenäht. „Die einzelnen Komponenten dafür kommen aus Neuseeland, wo Doyle auch seinen Sitz hat“, erläutert Chris Sherlock. Von dort stamme auch ein Großteil des technischen Know-hows. „Die meisten Hochleistungssegel haben eine Carbonstruktur, da das Material sehr leicht und sehr fest ist. Die Carbonfasern sind die Knochen der Segel. Sie halten das gesamte Gebilde in Form“, sagt Antonino Pellegrino. Carbon kann nur in einer Laminat-Bauweise verarbeitet werden, das heißt, die Carbonstränge werden auf eine transparente Segelhaut geklebt.

Die genaue Struktur und Dichte der Fasern wird von Computerprogrammen vorgegeben, jeder Segelhersteller hat da sein ganz eigenes Geheimwissen. Meist wird über die mit Carbonfasern versehene Segelhaut zum Schutz noch eine weitere Schicht aus Polyester geklebt. Wenn die Segel ausschließlich für Regatta-Fahrten genutzt werden, verzichten die Eigner wegen des Gewichts für diese sogenannten Membransegel auf weitere Schichten. Man erkennt diese Segel gut an ihrer schwarzen Optik, da Carbon als Kohlefaser in der Regel schwarz ist. Nach einer Saison sind die Segel hinfällig. „Wir recyceln die Segel, indem andere Firmen daraus zum Beispiel Taschen oder Sonnensegel herstellen“, sagt Antonino Pellegrino. Die besser geschützten Carbonsegel würden fünf bis sieben Jahre halten.

Die Mitarbeiter in Alaró werkeln an sieben in den Boden eingelassenen Industrienäh­maschinen, von denen eine 650 Kilo wiegt. Ein 850 Kilogramm schweres Segel wie das der „Ngoni“ wird mit einem Industriekran bewegt, der bis zu 1.200 Kilogramm heben kann. Zwei Wochen lang sind zwei Mitarbeiter mit den Ausbesserungsarbeiten beschäftigt. Um ein neues Segel fertigzustellen, wie in diesem Jahr für die 38 Meter lange Supersegelyacht „Twilight“ geschehen, sind mindesten vier Wochen notwendig.

Die größten Yachten der Welt kommen

Nach solchen Aufträgen geht Antonino Pellegrino mit einem Teil seines Teams selbst an Bord, um das neue Segel zu testen. Er hofft, nächstes Jahr so auch auf zwei ganz besonderen Schiffen tätig sein zu können, deren Eigner die Segel bei Doyle auf Mallorca überholen lassen wollen. Zum einen hat sich die größte Megasegelyacht der Welt, die „A“ des russischen Milliardärs Andrei Melnitschenko, angekündigt. Alleine für dieses Schiff gilt es, 3.700 Quadratmeter Segelfläche zu überprüfen. Außerdem kommen die feinen Tücher der „Black Perl“, die mit 106,8 Metern drittlängste Megasegelyacht der Welt, in den Service.

Für diese Mammutkunden ist das Loft in Alaró allerdings etwas zu klein. „Anfang des Jahres ziehen wir in eine neue Halle nach Marratxí um“, sagt Chris Sherlock. Dort stünden dann 3.300 Quadratmeter zur Verfügung. Eine zusätzliche Industrienähmaschine sei bereits bestellt worden, und auch der Kran sei um einiges größer. Eine Flaute bei den Aufträgen kann er nicht ausmachen. „Mallorca bietet mit seinen vielen Regatten und den hochklassigen Segelyachten einen idealen Markt für uns.“