Wie ein Hamburger alten Segeln neues Leben einhaucht


 
 
 

Firma 360 Grad macht aus robustem Tuch, Taschen, Rucksäcke und Wohnaccessoires. Mit Omas Nähmaschine fing es an.

Hamburg. Manchmal fragt sich Edzard Kramer (46), was wohl aus ihm geworden wäre, wenn er nicht immer mit seinem Vater segeln gegangen wäre. Wenn in ihrem Keller zu Hause in Norden nicht Berge alter Segel herumgelegen hätten. Ob er dann heute auch Taschen aus alten Segeltüchern verkaufen würde? Er zuckt mit den Schultern, schwer zu sagen. Vielleicht würde er auch als Werkzeugmacher arbeiten, so wie er es nach dem Abi gelernt hat.

Allerdings haben ihn alte Segeltücher schon immer fasziniert. Dieses belastbare Material, das leise Knistern des Stoffes, die Geschichte, die in jedem Stück steckt. „Wenn man bedenkt, wo so ein Stück Tuch überall auf den Weltmeeren unterwegs war, bevor es ausgemustert wird …“, sagt Kramer und greift nach einer Laptoptasche auf seinem Schreibtisch. Sie ist rot. Aus Segeltuch. Und im Inneren ist ein Etikett eingenäht, auf dem die Herkunft des jeweiligen Segels sowie dessen Einsatzorte nachgewiesen werden.
Ein Stück der weiten Welt

„Wir verkaufen nicht einfach nur Taschen – sondern ein Stück der weiten Welt“, sagt Kramer. Vor 30 Jahren verarbeitete er das erste Mal Segeltuch. Weil er sich als Jugendlicher keine Hülle fürs Surfbrett leisten konnte, nähte er sich selbst eine aus ausgemusterten Segeln. Auf der alten Singer-Nähmaschine seiner Oma, mit Fußpedal. Das Ergebnis war so gut, dass er sich irgendwann später an eine Jacke wagte. Taschen, Rucksäcke, Kulturbeutel und Portemonnaies folgten – die Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf.

Dass aus einem Hobby mal ein Start-up und dann eine Kultmarke wird, hätte er selbst nie gedacht. Für ihn war die Verwendung von Segeltuch zunächst nichts weiter als eine praktische Lösung seiner finanziellen Probleme.

Zuerst war es nur ein Freund, der auch so eine Jacke haben wollte, dann der Freund eines Freundes und so weiter. Die ersten zehn nähte Kramer noch selbst, dann beauftragte er eine Näherei im Nachbarort. Dennoch: Für ihn war das nichts weiter als ein Hobby, ein netter Nebenverdienst (150 bis 200 Mark pro Jacke) neben seiner Ausbildung als Werkzeugmacher, später neben dem Studium. Selbst als irgendwann die Taschen dazu kamen und er mit seinem Unternehmen 360 Grad schon sechsstellige Umsätze machte, arbeitet er hauptberuflich weiter als angestellter Designer für Kamerataschen. Erst 2012, als 360 Grad bereits fast eine halbe Millionen Euro Umsatz machte, kündigte er seinen Job, um sich voll dem eigenen Unternehmen zu widmen.
Jedes Jahr werden 14.000 Taschen verkauft

Mit Erfolg: Mehr als 200 Geschäfte in Deutschland bieten die Taschen (ab 59 Euro) inzwischen an, selbst in der Schweiz und Österreich ist 360 Grad erhältlich. 60 verschiedene Produkte aus Segeltuch gibt es. Neu im Sortiment sind nun Wohnaccessoires. Ein Wäschekorb kostet 89 Euro, ein Papierkorb ist für 49 Euro zu haben.

Zehn Tonnen alte Segel werden dafür jedes Jahr verarbeitet – inzwischen in einer Näherei in Polen. „Für diese großen Mengen haben wir hier niemanden mehr gefunden“, so Kramer. Allein 14.000 Taschen werden jedes Jahr produziert und verkauft. Der Umsatz steigt seit ein paar Jahren kontinuierlich. Durchschnittlich um 30 bis 40 Prozent jährlich.

Jedes Produkt ist ein Unikat. Damit das so bleibt, kauft er im ganzen Land ausgemusterte Segeltücher auf. „Manchmal ist es gar nicht so leicht, an Nachschub zu kommen“, sagt Kramer, der Bekleidungstechnik studiert hat und sich immer noch selbst um das Design kümmert – und bereits an den nächsten neuen Ideen tüftelt. Kramer: „Wenn das Material nahezu unzerstörbar ist, kann man nicht darauf setzen, dass sich die Leute alle paar Jahre eine neue Tasche kaufen. Deswegen muss man sich immer was Neues einfallen lassen.“