Kreuzfahrt: Hübsch aufgetakelt

Der Pool ist das Ionische Meer, das Aktivprogramm bestimmt der Wind – wer die etwas andere Kreuzfahrt sucht, sollte für eine Woche auf die Kairos II.

Nachdem wir Korfu Stadt mit seiner venezianischen Silhouette und der Alten Festung passiert haben, die den Seewind wie einen bösen Feind abzuhalten scheint, erwacht die Kairos zum Leben. Mit der ersten Brise, die nach Salz duftet und die Sommerhitze vom Teakholzdeck vertreibt, fährt Kapitän Kevin Ludwig per Knopfdruck die Großsegel aus, blickt dabei immer wieder konzentriert hinauf und lässt das große Steuerrad rotierend in der Sonne blitzen.

Mit Handzeichen und kurzen Zurufen dirigiert er Steuermann Peter Verbeek am Bug des 38 Meter langen Schiffs. Die Vorsegel müssen jetzt raus, „um den perfekten Kurs im Wind zu stabilisieren“, erklärt der junge Käpten gelassen, während sich der kirchturmhohe Stahlmast merklich auf die Seite legt. Ganz oben in der Spitze ist nun auch das elegante, schmale Fisherman­Segel zum kleineren Vormast gespannt. Es macht die 555 Quadratmeter Segelfläche komplett und trägt dazu bei, den Wind über dem Ionischen Meer richtig einzufangen. Wir nehmen deutlich Fahrt auf und liegen derart gut im Wind, dass ich die Tasse mit dem Frühstückskaffee auf dem Tisch festhalten muss. Einige der Winschen zum Spannen der ­Segel werden mit Motorkraft unterstützt, bei den kleineren ist Handarbeit gefragt. Die beiden Stewards Sven und Janin sowie zwei Passagiere kurbeln kräftig. Mit den Schoten, den Seilen zum Bedienen der Segel, muss das Großsegel ständig nachjustiert werden, sobald es flattert. Und auch das Trimmen der Vorsegel erfordert vollen Körpereinsatz.

„Nur wer möchte, packt als Gast an Bord mit an“, betont Kapitän Kevin, und kann sich (das wird gleich bei unserem ersten Auftakeln deutlich) im Verlauf des einwöchigen Törns durch die Inselwelt viel Segel-Know-how einholen. Wer den Trip indes einfach nur genießen will, schaut zu, wie sich die Segel unter dem blauen Himmel blähen und im Morgendunst Küsten und Inselchen vorbeiziehen. Wer Kreuzfahrten dabei bislang nur von gigantischen, schwerfälligen Schiffen kannte, erlebt auf der Kairos II eine buchstäblich erfrischende Flexibilität. „Wer hat Lust auf einen Schwimmstopp?“, fragt der Kapitän vor dem Mittagessen eher rhetorisch. Klar, bei mehr als 30 Grad sind alle dabei. Kaum dass die Ankerkette vor der kleinen Riffinsel in der Tiefe verschwunden ist, springen wir kopfüber ins Wasser.

Eine sechsköpfige Crew – Käpten Kevin und Steuermann Peter, Steward Sven und Stewardess Janin, Maschinist Bruce und Köchin Elena – kümmert sich an Bord um das Schiff und die maximal 16 Passagiere. Bei diesem Törn sind es gerade einmal sieben Gäste, was die Fahrt zu einem besonders exklusiven Erlebnis macht – wie ein Sommertrip mit Freunden und reichlich Platz an Bord. Ob auf den ledernen Sonnenbänken, der Sitz- und Essecke vor dem Steuerrad oder direkt auf dem warmen Holzdeck zwischen Takelage und chromblitzenden Armaturen – man kann sich frei ausbreiten. Das fühlt sich gut an und vermittelt irgendwie das Gefühl, auf dem eigenen Boot unterwegs zu sein.

Die Kairos wurde 2007 im Stil eines klassischen Stagsegel bzw. Bermudaschoners fertiggestellt. Das klingt schön, die Bauweise ist aber letztlich viel zu behäbig für diese elegante Segelyacht. Vor allem, wenn man die Kairos unter vollen Segeln erlebt. Von einer der vielen monströs-protzigen Motoryachten, die mit uns in Korfu an der Pier lag und nun röhrend nebenherfährt, kommen neidvolle Blicke. Und auch kleinere Segelboote, die uns entgegenkommen, drehen für Fotostopps bei.

Die Passagiere können an Bord mit anpacken, wenn sie möchten, und sich bei dem einwöchigen Törn viel Segel-Know-how aneignen.

Mit Schieflage und dabei auffallend stabil zieht das weiße, schlanke Schiff in Richtung Paxos und hinterlässt kleine Gischtwölkchen am Bug, wo sich gerade eine Gruppe Delfine ein Wettrennen mit der Kairos liefert. „Manche Gäste, die zum ersten Mal auf einer großen Segelyacht sind, befürchten, dass ein vergleichsweise kleines Schiff stampfen und rollen müsse“, erzählt Steuermann Peter und korrigiert dabei immer wieder den Kurs, „dabei bewegen wir uns auch bei 12 Knoten noch völlig ruhig.“ Was auch daran liege, betont der Kapitän, dass das Ionische Meer meist flach sei wie ein Baggersee. „Toller Wind, kaum Wellen, für Segeleinsteiger ist das ein ideales Revier.“

Für Mannschaft und Servicekräfte wohl kaum. Denn jetzt – unter Segeln und kräftig am Wind – ist deren Arbeitsplatz ganz schön schräg! Schon bei diesen Idealbedingungen mutet es spektakulär an, wie Steward Sven mit akrobatischer Leichtigkeit zwei Kuchen aus der kleinen Küche die Treppe hoch an Deck balanciert und zur Kaffeezeit läutet. Mit 30 Grad Krängung (so wird die Seitenneigung unter Profis genannt) liegt die Kairos im Wasser. In der Karibik hat Kapitän Kevin sie schon auf mehr als 60 gebracht, „bis die Wellen kräftig über Deck spülten“, aber so heftig wird es im Ionischen Meer nicht.

Die Launen der Meteorologie und der Qualitätsanspruch an Bord führen dazu, dass die täglich frisch gebackenen Kuchen regelmäßig zur Zeit des stärksten Windes um 16 Uhr serviert werden. Frisches Brot am Morgen, Kuchen am Nachmittag: Köchin Elena, die schon ein paar Jahre mit dabei ist, bekennt sich offen zu ihrer Passion: „Ich backe für mein Leben gern, auch hier an Bord.“ Das hört sich sehr gut an. Und es schmeckt hervorragend, obgleich der Wind mitunter den einen oder anderen Happen von der Gabel fegt. Dabei hält die Arbeit auf einem Segelschiff auch in der Küche ganz besondere Herausforderungen bereit, so Elena: „Es hat doch einige Experimente und vor allem Anläufe gebraucht, bis ich den Kuchen dazu brachte, im Ofen gerade aufzugehen.“

Elenas Mix aus Fusionsküche mit griechischen Anleihen und Großmutters Geheimrezepten kommt auch beim Mittag- und Abendessen gut an. Zum Dinner beim Sonnenuntergang haben wir obendrein einen ruhigen Logenplatz. Die Kairos II liegt in der Hafenbucht des Fischerdörfchens Gaios auf Paxos. Nach dem Essen tuckern wir im Schlauchboot an Land und setzen uns in eine der kleinen Tavernen.

In den folgenden Tagen entpuppt sich die Kairos II als perfektes Vehikel fürs Inselhopping: groß genug, um an Bord echten Kreuzfahrt-Komfort zu vermitteln, aber auch klein genug, um tagsüber spontan jede Traumbucht anzusteuern und am Abend zwischen Fischerbooten in einer romantischen Bucht zu parken.

Was es nicht gebe, sei ein vorab festgelegtes Reiseprogramm, betont Kapitän ­Kevin beim abendlichen Briefing an Deck. „Innerhalb des Reviers muss ich unsere grobe Routenplanung immer wieder Wetter und Wind anpassen.“ Das führt zu spontanen Aktionen wie dem Schnorchelstopp ganz nah an einem Riff bei Antipaxos oder morgendlichem Stand-up-Paddel-Training auf dem spiegelglatten Meer vor Lefkada. In der Straße von Meganisi erkunden wir mit dem Schlauchboot die Meereshöhle Papanikolis, deren natürliche, große Halle wie eine Kathedrale wirkt, in der Tausende Schwalben umherschwirren, die hier ihre Nester haben.

Während Kreuzfahrtschiffe in kleinen Häfen zunehmend als Invasoren betrachtet werden und große, protzige Motoryachten unangenehm auffallen, wird die Kairos fortwährend bestaunt. Es ist Vollmond, und das Weiß des Bootes hebt sich, verstärkt durch die Mastbeleuchtung, schön von der Nacht über Ithaka ab.

Kaffee und Kuchen werden auf der Kairos II auch bei einer Seitenneigung von 30 Grad serviert.

Die Kairos fängt nicht nur den Wind über dem Meer ein, sie ist zudem eine Art Traumfänger, auch für die Crew. Kapitän Kevin war Klempner im Sauerland, als er vor ein paar Jahren durch einen Aushilfsjob in Bremerhaven auf ein Schiff kam, seine Liebe fürs Segeln entdeckte und der Seefahrt treu blieb. Steuermann Peter war Hochschullehrer für Design in den Niederlanden. Kurz vor dem Rentenalter fand der passionierte Segler an Bord den „besten Job meines Lebens“, wie er sagt. Stewardess Janin arbeitete vor einem Jahr noch als Sozialarbeiterin für Jugendliche, verliebte sich erst ins Schiff und dann in Kapitän Kevin. Seitdem sind die beiden ein Paar. Und Maschinist Bruce trauert den großen Pötten, auf denen er schon gearbeitet hat, keine Sekunde nach. Nichts sei schöner, als sein eigener Herr zu sein, erklärt der Neuseeländer, der mit seiner Familie in der französischen Provinz lebt.

Nur einmal auf der Reise müssen wir das Schiff wechseln: In den Fluss Acheron bei Ammoudia auf dem griechischen Festland kann sich auch die Kairos nicht hineinquetschen. Das ist vielleicht auch besser so! Denn laut griechischer Mythologie ist er einer der fünf Flüsse der Unterwelt, der angeblich geradewegs ins Totenreich Hades mäandert. Auf unserem Bootsausflug sehen wir tiefenentspannte Schildkröten, die am Ufer ein Sonnenbad nehmen.

Gegen Ende der Tour warten noch zwei besondere Ziele auf uns: Beim Picknick am Mesovikra Beach mit seinem schneeweißen Kiesstrand, der flach abfällt ins glasklare Wasser, fühlt man sich wie der Statist einer Bacardi-Werbung. Dazu passt, dass Steward Sven am Strand Cocktails mixt.

Mit dem Dorf Loggos auf Paxos hält die Crew ihren schönsten Stopp für uns bereit. Im kleinen Fischerhafen, in dem sich die farbenfrohen Häuser ganz eng in eine kleine Felsenbucht hineinschmiegen, wird die Crew im Restaurant Vassilis begeistert begrüßt: „Lang nicht gesehen, herzlich willkommen!“ Und auch wir Passagiere werden erstaunlich offen aufgenommen – wie unter Freunden. Die Kairos schunkelt fast unmerklich im ruhigen Hafenwasser. Es wirkt fast so, als würde sie uns zufrieden beobachten.